Jetzt ist sie ganz durchgeknallt! – Melancholie als Burn-out-Prophylaxe?! Ja, geht’s noch!?
Moment! Einen Moment, bitte! Doch, doch das ergibt Sinn.
Melancholie ist etwas ganz anderes als Depression
Irgendwann hat sich die Bedeutung des Wortes Melancholie gewandelt. Der Wortursprung führt zur „Schwarze Galle“, dem Stoff im Körper, der nach der Humorallehre der alten Griechen die düstere Stimmung des Melancholikers verursacht.
Melancholie ist gekennzeichnet durch eine trübsinnige Gemütsstimmung, durch Schwermut, Schmerz, Traurigkeit oder Nachdenklichkeit. Einen bestimmten Auslöser gibt es nicht.
Die Romantik kennt die Melancholie als Weltschmerz. In der modernen Psychologie ist sie durch das Krankheitsbild der Depression abgelöst worden.
Dabei ist eine melancholische Stimmung keine Erkrankung, sondern steht auch für eine Fähigkeit zu Innenschau und der Akzeptanz der bitteren Momente des Lebens. Ohne eben in einen depressiven Dauerzustand zu verfallen.
Das Bittersüße im Leben
Susan Cain hat ein ganzes Buch darüber geschrieben, wie Melancholie und die eng verwandte Sehnsucht unserem Leben Tiefe, Halt und Sinn geben können. (Dringende Leseempfehlung!)
Sie beschreibt eine zentrale menschliche Erfahrung: Licht und Dunkel, Schweres und Leichtes, Leben und Tod sind untrennbar
miteinander verbunden. Das Eine gibt es nicht ohne das Andere. Und doch versuchen wir oft, eine “reine” Erfahrung von Freude oder Glück zu erschaffen. Das gelingt nicht, weil es nicht gelingen kann, egal wie sehr wir uns das wünschen.
Cain plädiert dafür, dass wir lernen, diese Gleichzeitigkeit nicht nur bewusst wahrzunehmen, sondern sie in einer Haltung der „Bittersüße” zu halten, statt sie zu verdrängen. Für sie liegt darin die Chance, Kreativität zu wecken, Verbundenheit zu erreichen und die Überwindung des Drucks zum ständigen “Positiv-sein müssen”.
Ausgelaugt durch Dauerstress
Wir aber haben natürlich keine Zeit für „sowas“. Melancholische Gedanken halten uns vom Abarbeiten unserer To-do-Listen ab. Und außerdem wollen wir uns nicht so „herunterziehen“ lassen!
Sie haben uns allerdings etwas zu sagen, diese unbequemen Gefühle: Wut will Abgrenzung, vielleicht gegen die nächsten zehn Überstunden oder die zusätzliche Aufgabe. Traurigkeit will, dass wir über Verluste nachdenken, drohende oder solche, die schon stattgefunden haben. Und wenn alles in Überforderung mündet, wäre schon längst mal eine Pause dran gewesen.
Bewusst mit Melancholie umgehen
Prof. Benigna Gerisch plädiert in einem Interview mit arte für einen bewussten Umgang mit Melancholie. Melancholie lädt zum Innehalten ein und kann ein Gegenpol zur stetigen Beschleunigung und Verdichtung unserer modernen (Arbeits-) Welt sein.
Wir haben eben auch ein Recht auf Trauer und verletzliche Momente. Melancholie lässt uns durch tiefe Reflexion reifen und in die Tiefe gehen.
Innehalten und Reflektieren als Antidot
Wenn also das nächste Mal eine kleine Melancholie vorbeikommt, machen Sie doch mal die Tür auf und lassen sie herein. Setzen Sie sich mit ihr auf eine Parkbank oder in einen Garten und denken vielleicht über die Vergänglichkeit des Daseins nach und wie es gelingen kann, trotz dieses Wissens gut zu leben.
Vielleicht nutzen Sie die Zeit ja auch dafür zu sortieren, welche Aufreger gar nicht so wichtig sind und wofür Sie sich wirklich, wirklich einsetzen wollen.
Vielleicht hören Sie sich auch gemeinsam mit Ihrer Melancholie Joni Mitchels „Both sides now“ oder Billie Eilishs „What was I made for“ .
Ja, das ist vielleicht gewöhnungsbedürftig, aber auch ausgesprochen erholsam in seiner Langsamkeit!
Und wenn dann noch Stift und Papier in der Nähe sind, steht dem schriftlichen Melancholisch-Sein nichts mehr im Wege.
Kann ich da „Viel Vergnügen!“ wünschen? – Ja, ich glaube das geht!
Schreibimpuls
- Wenn Sie ein melancholisches Lied gehört haben: Beschreiben Sie was dieses Lied in Ihnen ausgelöst hat.
Gedanken, Emotionen, Erinnerungen, Bilder …
Was fühlen Sie genau? Beschreiben Sie ohne zu werten und ohne verstehen zu wollen. - Was bedeutet „melancholisch“ sein für Sie? Gibt es etwas Positives, das Sie damit verbinden?
- Beschreiben Sie einen melancholischen Moment in Ihrem Leben ganz detailggetreu.
Schreibzeit für alle: 5 Minuten. Und zum Abschluss noch eine kurze Reflektion über das Geschriebene. Den folgenden Satzanfang vervollstädigen:
„Wenn ich das nochmal lese, erkenne ich… „
Hier der Link zum arte-Interview mit Prof. Dr. Gerisch, das mich u.a. zu diesem Text inspiriert hat.
Buchtipp
Susan Cain „Bittersüß: Wie Sehnsucht und Melancholie uns Halt und Kraft geben“

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